Altbau ist teuer – das wissen alle. Gleichermaßen ist der Altbau unerlässlich für den Flair einer europäischen Großstadt. Die Erhaltungskosten für die hohen Decken sind für viele Vermieter leider so unerreichbar wie für mich das oberste Fenster. Nicht, dass dies nicht gewinnbringend möglich sei, aber mehr Geld ist für manche Menschen eben mehr Geld. Manche sollen ihre Altbauten sogar absichtlich verkommen lassen, um sie abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen.
Die Wiener Altbauten sind bedroht
Das wunderschöne Wien schmückt sich mit über 30.000 Altbauten. Wohl kaum ein anderer Lebensraum schreit dermaßen laut „Urbanisierung.“ Die historischen Wiener Altbauen gehören einer aussterbenden Sorte von Häusern an. Damals trennten noch Mauern die Nachbarn, Holzbalken trugen unsere Decken, und Doppelfenster sorgten dafür, dass uns Nachts weniger die Füße frieren. Wenn nicht durch ein Wiener Stockfenster mit Zigarette und einer Melange, wie sonst kann man Wien in seiner vollen Pracht bewundern?
Dieser Wohn(t)raum ist teuer zu erhalten – moderne Neubauten etwa sind viel besser gedämmt, kompakter, effizienter – alles faktenbasierte, was sich nicht durch Wohngefühl von „Altbau-Flair“ erklären lässt eben. Doch viele Vermieter:innen riechen in Neubauten das große Geld, sie sind energie- und platzeffizienter und leichter in Stand zu halten. Aus diesem Grund, so wird gemutmasst, lassen einige Eigentümer:innen ihre Altbauten absichtlich in einen maroden Zustand verkommen, um die Freigabe zum Abriss zu erhalten.
Nicht an das Mietrechtgesetz gebunden
Dass Wiener Stadtratbüro erklärt „kontrast“ gegenüber: „Teilweise versuchen Hausbesitzer, diesen Zustand durch Fehlverhalten absichtlich herbeizuführen. Wenn sie das Haus abreißen, können sie auf dem Grundstück einen Neubau errichten, der ertragreicher ist. Denn neue Wohnungen – im Gegensatz zum Altbau – sind nicht an das Mietrechtsgesetz gebunden und können somit teurer vermietet werden.“
Doch eine eigens eingerichtete Beschwerdestelle soll dem entgegenwirken, sogar Schwerpunktkontrollen soll es in berechtigten Fällen geben. Außerdem soll die Bauordnung verschärft werden, damit marode Häuser früher saniert, und später nicht abgerissen werden müssen. Eine Hotline ist unter 01/4000 4001 täglich von 07:00 bis 17:00 erreichbar, wie auch dankbar für Hinweise zu vorsätzlicher Verwahrlosung.
Es ist schon schade, denn immerhin sind Wiens Altbauten Zeugen der Geschichte unserer doch recht jungen Republik. Manche von ihnen, aus der Gründerzeit etwa, haben sogar zuschauen dürfen, wie ein zerbombtes Wien von den Trümmerfrauen wieder aufgeräumt wurde. Es ist ja nicht so, als wären Altbauten nicht gewinnbringend, es kann mit Neubauten nur eben deutlich mehr Gewinn erreicht werden.
